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<title>Performativer Widerspruch</title>
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<h1 id="firstHeading" class="firstHeading mw-first-heading"><span class="mw-page-title-main">Performativer Widerspruch</span></h1>
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<div id="mw-content-text" class="mw-body-content mw-content-ltr" lang="de" dir="ltr"><div class="mw-content-ltr mw-parser-output" lang="de" dir="ltr"><p>Als <b>performativer Widerspruch</b> wird ein <a href="Sprechakt" title="Sprechakt">Sprechakt</a> bezeichnet, dessen <a href="Performanz_(Linguistik)" title="Performanz (Linguistik)">Performanz</a>, also das Verhalten des Sprechers, im Widerspruch zu seinem <a href="Semantik" title="Semantik">semantischen</a> Gehalt, seiner Behauptung, steht. Ein Beispiel: Jemand sagt: „Ich schweige gerade.“ In Abgrenzung zu einer <a href="Kontradiktion" title="Kontradiktion">Kontradiktion</a>, also einer zu sich selbst widersprüchlichen Aussage oder einem zu sich selbst widersprüchlichen Begriff, besteht hier der Widerspruch zwischen dem Inhalt der Aussage und den Umständen der <a href="%C3%84u%C3%9Ferung" title="Äußerung">Äußerung</a> der Aussage durch einen bestimmten Sprecher. Während im logischen Widerspruch eine Aussage inhaltlich ihre <a href="Negation" title="Negation">Negation</a> zu behaupten scheint, widerspricht im performativen Widerspruch die Äußerung als Handlung (s. <a href="Pragmatik_(Linguistik)" title="Pragmatik (Linguistik)">Pragmatik (Linguistik)</a>) ihrem eigenen Inhalt.
</p>
<div class="mw-heading mw-heading2"><h2 id="Beispiele">Beispiele</h2></div>
<p>„Kommen Sie dieser Aufforderung nicht nach!“ Wenn sich „diese Aufforderung“ auf denselben Sprechakt bezieht, in dem sie vollzogen wird, kann man ihr nicht nachkommen, ohne gegen ebendiese Aufforderung zu verstoßen.<sup id="cite_ref-1" class="reference"><a href="#cite_note-1"><span class="cite-bracket">[</span>1<span class="cite-bracket">]</span></a></sup>
</p><p>„Ich habe keinen Körper!“ – „Die Verneinung der Äußerung ‚Ich habe einen Körper‘ ist […] ein performativer Widerspruch. Denn bereits zum Vollzug dieser <i>Äußerung</i> brauche ich den <a href="Kehlkopf" title="Kehlkopf">Kehlkopf</a>.“<sup id="cite_ref-2" class="reference"><a href="#cite_note-2"><span class="cite-bracket">[</span>2<span class="cite-bracket">]</span></a></sup>
</p><p>„Ich existiere nicht!“ – „Wenn ich denke, dass ich nicht existiere, so denke ich etwas, was im Widerspruch zu dem steht, was ich unterstellen muss. Dies ist kein logischer Widerspruch, denn der Gedanke ‚Ich existiere nicht‘ ist nicht in sich widersprüchlich. Vielmehr steht er im Widerspruch zu einer anderen Aussage, nämlich der Aussage ‚Ich existiere‘ und die Wahrheit dieser Aussage muss ich unterstellen, wenn ich denke ‚Ich existiere nicht‘. Man nennt dies auch einen ‚performativen Widerspruch‘, einen Widerspruch in der Handlung.“ Pfister führt den performativen Widerspruch ein als ein verunglücktes „<a href="Transzendentalphilosophie" title="Transzendentalphilosophie">transzendentales Argument</a>“, bei dem gegenüber dem performativen Widerspruch die Bedingung der Möglichkeit einer Aussage plausibel gegeben ist. Als positives Beispiel nennt er „<a href="Cogito_ergo_sum" title="Cogito ergo sum">Cogito ergo sum</a>“.<sup id="cite_ref-3" class="reference"><a href="#cite_note-3"><span class="cite-bracket">[</span>3<span class="cite-bracket">]</span></a></sup>
</p><p>Aufsehen erregte <a href="Robert_Gernhardt" title="Robert Gernhardt">Robert Gernhardts</a> Gedicht <i><a href="Materialien_zu_einer_Kritik_der_bekanntesten_Gedichtform_italienischen_Ursprungs" title="Materialien zu einer Kritik der bekanntesten Gedichtform italienischen Ursprungs">Materialien zu einer Kritik der bekanntesten Gedichtform italienischen Ursprungs</a></i> aus dem Jahr 1979, eine wütende <a href="Invektive_(Literatur)" title="Invektive (Literatur)">Invektive</a> gegen <a href="Sonett" title="Sonett">Sonette</a> und ihre Verfasser, die aber selbst ein perfekt gebautes Sonett ist und damit einen performativen Widerspruch darstellt.<sup id="cite_ref-4" class="reference"><a href="#cite_note-4"><span class="cite-bracket">[</span>4<span class="cite-bracket">]</span></a></sup>
</p>
<div class="mw-heading mw-heading2"><h2 id="Einordnung">Einordnung</h2></div>
<p>Die Idee eines von logischem Widerspruch unterscheidbaren performativen Widerspruchs stammt aus der <a href="Philosophie_des_20._Jahrhunderts" title="Philosophie des 20. Jahrhunderts">Philosophie des 20. Jahrhunderts</a>. Im deutschen Sprachraum wurde er in der <a href="Transzendentalpragmatik" title="Transzendentalpragmatik">Transzendentalpragmatik</a> von <a href="Karl-Otto_Apel" title="Karl-Otto Apel">Karl-Otto Apel</a> bekannt: Apel rechtfertigt sein Programm einer <a href="Letztbegr%C3%BCndung" title="Letztbegründung">Letztbegründung</a> damit, dass es einen performativen Widerspruch darstellt, die (transzendentalpragmatischen) Voraussetzungen der Argumentation selbst argumentativ zu bestreiten. Dabei bezog er sich auf <a href="Jaakko_Hintikka" title="Jaakko Hintikka">Jaakko Hintikkas</a> Rekonstruktion des cartesischen <a href="Cogito" class="mw-redirect" title="Cogito">Cogito</a>-Argumentes, in der Hintikka dargelegt hatte, dass jede Äußerung des Satzes „Ich existiere nicht“ einen Äußernden voraussetzt (<a href="Pr%C3%A4supposition" title="Präsupposition">Präsupposition</a>), was dem Inhalt der Behauptung widerspricht. Die Spannung zwischen dem Inhalt und seiner Voraussetzung bezeichnete Hintikka als „existential inconsistency“, deren <a href="Absurdit%C3%A4t" title="Absurdität">Absurdität</a> performativer Natur sei. Daraus entwickelt Apel verallgemeinernd den Begriff des performativen Widerspruchs.
</p><p>Ein performativer Widerspruch als Widerspruch von Inhalt und implizierten Umständen steht somit <a href="Klassifikation" title="Klassifikation">klassifikatorisch</a> zwischen einerseits den <a href="Widerspruchsfreiheit" title="Widerspruchsfreiheit">logischen Widersprüchen</a> von Aussagen und andererseits den Widersprüchen in der Realität, den sogenannten <a href="Widerspruch_(Dialektik)" title="Widerspruch (Dialektik)">„dialektischen“ oder realen Widersprüchen</a>.<sup id="cite_ref-5" class="reference"><a href="#cite_note-5"><span class="cite-bracket">[</span>5<span class="cite-bracket">]</span></a></sup> Transzendentale Argumente<sup id="cite_ref-6" class="reference"><a href="#cite_note-6"><span class="cite-bracket">[</span>6<span class="cite-bracket">]</span></a></sup> und performative Widersprüche in einer eher trivialen Form – wie in den Beispielen – „spielen im Alltag und in anderen Wissenschaften […] so gut wie keine Rolle“, so die landläufige Meinung.<sup id="cite_ref-7" class="reference"><a href="#cite_note-7"><span class="cite-bracket">[</span>7<span class="cite-bracket">]</span></a></sup> In politischen und ethischen Diskursen dagegen sind Selbstbeschreibungen (Aussagen, Behauptungen) als „gut“, „vorbildlich“, „gemeinschaftsorientiert“, „demokratisch“ usw. sowie ihre Relation zum tatsächlichen Verhalten eines Handelnden ein Hauptthema der Auseinandersetzung; aber weder transzendentale Schlussfolgerungen noch Widersprüche sind in der Regel unmittelbar aus diesen Äußerungen abzuleiten, sondern benötigen empirische Daten, die von verschiedenen Standpunkten weiterhin verschieden interpretiert werden.
</p><p>Die Behauptung bzw. das Aufzeigen eines performativen Widerspruchs ist ein zentrales Element von bestimmten <a href="Retorsion" title="Retorsion">Retorsionsargumenten</a> (vgl. auch <a href="Tu_quoque" title="Tu quoque">Tu quoque</a>).
</p>
<div class="mw-heading mw-heading2"><h2 id="Einzelnachweise">Einzelnachweise</h2></div>
<ol class="references">
<li id="cite_note-1"><span class="mw-cite-backlink"><a href="#cite_ref-1">↑</a></span> <span class="reference-text"><a href="Hadumod_Bu%C3%9Fmann" title="Hadumod Bußmann">Hadumod Bußmann</a>: <i>Lexikon der Sprachwissenschaft</i>. 2. Auflage, Kröner, Stuttgart 1990, S. 569.</span>
</li>
<li id="cite_note-2"><span class="mw-cite-backlink"><a href="#cite_ref-2">↑</a></span> <span class="reference-text"><a href="Rafael_Ferber" title="Rafael Ferber">Rafael Ferber</a>: <cite style="font-style:italic">Philosophische Grundbegriffe</cite>. <span style="white-space:nowrap">Band<span style="display:inline-block;width:.2em">&nbsp;</span>2</span>, <span style="white-space:nowrap">S.<span style="display:inline-block;width:.2em">&nbsp;</span>97<span style="display:inline-block;width:.2em">&nbsp;</span>f</span>.<span class="Z3988" title="ctx_ver=Z39.88-2004&amp;rft_val_fmt=info%3Aofi%2Ffmt%3Akev%3Amtx%3Abook&amp;rfr_id=info:sid/de.wikipedia.org:Performativer+Widerspruch&amp;rft.au=Rafael+Ferber&amp;rft.btitle=Philosophische+Grundbegriffe&amp;rft.genre=book&amp;rft.pages=97+f.&amp;rft.volume=2" style="display:none">&nbsp;</span></span>
</li>
<li id="cite_note-3"><span class="mw-cite-backlink"><a href="#cite_ref-3">↑</a></span> <span class="reference-text">Jonas Pfister: <cite style="font-style:italic">Werkzeuge des Philosophierens</cite>. 2013, ISBN 978-3-15-960377-3, <span style="white-space:nowrap">S.<span style="display:inline-block;width:.2em">&nbsp;</span>98</span>.<span class="Z3988" title="ctx_ver=Z39.88-2004&amp;rft_val_fmt=info%3Aofi%2Ffmt%3Akev%3Amtx%3Abook&amp;rfr_id=info:sid/de.wikipedia.org:Performativer+Widerspruch&amp;rft.au=Jonas+Pfister&amp;rft.btitle=Werkzeuge+des+Philosophierens&amp;rft.date=2013&amp;rft.genre=book&amp;rft.isbn=9783159603773&amp;rft.pages=98" style="display:none">&nbsp;</span></span>
</li>
<li id="cite_note-4"><span class="mw-cite-backlink"><a href="#cite_ref-4">↑</a></span> <span class="reference-text"><a href="Maren_J%C3%A4ger" title="Maren Jäger">Maren Jäger</a>: <i>Das komische Kurzgedicht</i>. In: Carsten Jakobi und Christine Waldschmidt (Hrsg.): <i>Witz und Wirklichkeit. Komik als Form ästhetischer Weltaneignung</i>. transcript, Bielefeld 2015, S. 359–386, hier S. 370 (abgerufen über <a href="Walter_de_Gruyter_(Verlag)" title="Walter de Gruyter (Verlag)">De Gruyter</a> Online)</span>
</li>
<li id="cite_note-5"><span class="mw-cite-backlink"><a href="#cite_ref-5">↑</a></span> <span class="reference-text"><a href="Holm_Tetens" title="Holm Tetens">Holm Tetens</a>: <cite style="font-style:italic">Philosophisches Argumentieren. Eine Einführung</cite>. <span style="white-space:nowrap">S.<span style="display:inline-block;width:.2em">&nbsp;</span>68<span style="display:inline-block;width:.2em">&nbsp;</span>ff</span>.<span class="Z3988" title="ctx_ver=Z39.88-2004&amp;rft_val_fmt=info%3Aofi%2Ffmt%3Akev%3Amtx%3Abook&amp;rfr_id=info:sid/de.wikipedia.org:Performativer+Widerspruch&amp;rft.au=Holm+Tetens&amp;rft.btitle=Philosophisches+Argumentieren.+Eine+Einf%C3%BChrung&amp;rft.genre=book&amp;rft.pages=68+ff." style="display:none">&nbsp;</span></span>
</li>
<li id="cite_note-6"><span class="mw-cite-backlink"><a href="#cite_ref-6">↑</a></span> <span class="reference-text">Längere Ausführung hierzu bei: Holm Tetens, <i>Philosophisches Argumentieren. Eine Einführung</i>, S. 68 ff.</span>
</li>
<li id="cite_note-7"><span class="mw-cite-backlink"><a href="#cite_ref-7">↑</a></span> <span class="reference-text">Jonas Pfister: <cite style="font-style:italic">Werkzeuge des Philosophierens</cite>. 2013, ISBN 978-3-15-960377-3, <span style="white-space:nowrap">S.<span style="display:inline-block;width:.2em">&nbsp;</span>97</span>.<span class="Z3988" title="ctx_ver=Z39.88-2004&amp;rft_val_fmt=info%3Aofi%2Ffmt%3Akev%3Amtx%3Abook&amp;rfr_id=info:sid/de.wikipedia.org:Performativer+Widerspruch&amp;rft.au=Jonas+Pfister&amp;rft.btitle=Werkzeuge+des+Philosophierens&amp;rft.date=2013&amp;rft.genre=book&amp;rft.isbn=9783159603773&amp;rft.pages=97" style="display:none">&nbsp;</span></span>
</li>
</ol></div><!--htdig_noindex--><div><div class="zim-footer">
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